„Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“
[Ludwig Wittgenstein]
„In jeder Familie gibt es Geschichten oder Menschen, über die man nicht spricht oder nicht sprechen durfte. Doch diese stummen Geschichten wirken oft lauter als alle Worte!
Nicht gesehene oder ausgeschlossene Familienmitglieder
Kennen Sie das Gefühl, dass in Ihrer Familie bei bestimmten Themen auf etwas anderes umgeschwenkt wird? Als ob es unsichtbare Mauern gäbe? Dass manche Namen nie fallen, bestimmte Zeiten totgeschwiegen werden oder Familiengeschichten wie Puzzles mit fehlenden Teilen wirken? In systemische Aufstellungen zeigt sich bisweilen, tabuisierte oder ausgeschlossene Familienmitglieder, die bewusst oder unbewusst aus dem Familiensystem „entfernt“ wurden – wirken als unsichtbare Schatten im System weiter.
Die stillen Ausschlüsse
Ausschluss passiert nicht immer dramatisch. Manchmal ist es die Tante, die nach einem Erbstreit „plötzlich nicht mehr existiert“. Der Onkel, der nach seiner Scheidung aus allen Fotoalben verschwand. Das Geschwisterkind, das früh starb und über das nie gesprochen wird. Oder der Großvater, dessen Kriegserlebnisse so schrecklich waren, dass die Familie beschloss: „Das gehört nicht zu uns.“
In einer systemischen Aufstellung zeigte sich vor einiger Zeit, dass ein Klient wahrscheinlich noch ein älteres Geschwister hatte. Er ging dem nach und erzählte mir später: „Erst mit 50 muss ich erfahren, dass ich offenbar einen Halbbruder habe. Niemand hat ihn je erwähnt. Ich erfuhr, dass er früh psychisch krank wurde.“ Im Zuge der Aufstellung verstand er, woher seine depressiven Phasen „stammen“ und warum sie in der Familie tabu waren. „Ich verstand plötzlich – ich trug das Schicksal meines ausgeschlossenen großen Bruders.“
Manchmal sind es auch ganze Familien, die verschwinden. Familien, die im Krieg enteignet oder vertrieben wurden, deren Besitz an andere ging. Die Begünstigten sprechen nicht über die Umstände ihres Wohlstands und über Generationen hinweg werden die Vertriebenen zu Phantomen in der Familiengeschichte. In vielen Fällen geht es mit dem Besitz in den nachfolgenden Generationen bergab. Unglück bei den Nachkommen, Misswirtschaft auf Bauerhöfen oder langwieriger Erbstreit sind oft die Folge.
Ein anderes Beispiel: Ein Mann mittleren Alters kam zu mir, weil er sich trotz äußerlichen Erfolgs innerlich leer fühlte. In der systemischen Aufstellung zeigte sich, dass sein Großvater einen Geschäftspartner um dessen Anteil betrogen hatte. Dieser Partner wurde nie wieder erwähnt – aber dessen Schicksal wirkte als Schatten in der Familie weiter. Der Enkel spürte unbewusst, dass sein Wohlstand auf fremdem Leid beruhte.
Die verschiedenen Gesichter des Ausschlusses
Ausschluss hat viele Gesichter. Da ist der moralische Ausschluss: „Wer so etwas getan hat, gehört nicht mehr zu uns.“ Der Onkel, der seine Familie verlassen hat. Die Schwester, die Geld gestohlen hat. Der Sohn, der ins Gefängnis musste. Ihre Taten werden zu Schande für die Familie, und so werden sie aus der Erinnerung getilgt.
Dann gibt es den Ausschluss aus Scham. Familienmitglieder mit Behinderungen, psychischen Erkrankungen oder Suchtproblemen wurden früher oft versteckt. „Was sollen die Leute denken?“ Diese Haltung wurde häufig, auch unbewusst, an die Nachkommen weitergegeben.
Besonders schmerzhaft ist der Ausschluss aus Bequemlichkeit oder Gier. Der pflegebedürftige Großvater, der „zu anstrengend“ wurde. Die verwitwete Tante, deren Haus andere erben wollten. Sie wurden nicht direkt verstoßen, aber isoliert, bis sie „von selbst“ gingen.
Die unerkannten Auswirkungen
Systeme streben nach Ganzheit. Was ausgeschlossen wird, gehört dennoch dazu. Es wirkt oft, als ob das System ein Gedächtnis hat und niemanden vergisst. Personen nachfolgender Generationen zeigen manchmal unerklärliche Symptome, die wie wiederkehrende Muster erscheinen.
Kinder spüren intuitiv, wenn jemand fehlt, auch wenn sie nicht wissen wer. Sie haben feine Antennen für das Unausgesprochene, für die Lücken im Familiengefüge. Unbewusst füllen sie oft diese Lücken oder übernehmen das Schicksal des Ausgeschlossenen – wie ein Hinweis darauf, das etwas in Unordnung ist oder jemand fehlt.
So kann es geschehen, dass Enkel plötzlich Verhaltensweisen zeigen, die an den „vergessenen“ Großonkel erinnern. Oder dass sich bestimmte Lebensmuster wiederholen: Bankrott, Krankheit, früher Tod – als würde das System versuchen, den Ausgeschlossenen zu ehren, indem es sein Schicksal wiederholt. Es scheint wie eine Art unbewusste Loyalität, die mehr schadet als heilt. Das hat auch mit den unterschiedlichen Gewissen in Systemen zu tun. Aber dazu mehr in einem der weiteren Blogs.
Eine weitere Klientin berichtete mir von einer Familientradition des Scheiterns: „In unserer Familie wird niemand älter als 60, und alle haben finanzielle Probleme.“ In der systemischen Aufstellung zeigte sich, was später in der Familie recherchiert wurde: Der Urgroßvater hatte seinen Bruder um dessen Erbe betrogen. Er starb in seinem 60sten Lebensjahr. Seitdem „durfte“ in dieser Familie niemand erfolgreich oder älter werden – eine unbewusste Sühne für die damalige Ungerechtigkeit.
Wie dieses Schweigen Ihr Leben heute beeinflusst
Vielleicht fragen Sie sich: Wie kann jemand, der vor Jahrzehnten ausgeschlossen wurde, noch heute mein Leben beeinflussen? Die Antwort liegt in der systemischen Verbundenheit aller Familienmitglieder. Jeder Mensch, der aufgrund seiner Geburt, durch Heirat oder ein tragisches Unglück zu einem System gehört, gehört dazu. Wie ein fehlendes Puzzelstück hinterlässt jemand der ausgeschlossen wird eine Lücke.
Diese Lücken manifestieren sich oft als:
- Wiederkehrende Lebensmuster, die sich nicht erklären lassen
- Todesfälle – wie oben beschrieben – an exakt gleichem Datum
- Körperliche Symptome ohne medizinische Ursache
- Beziehungsprobleme, die sich ständig wiederholen
- Ein Gefühl ständig nach etwas oder jemandem zu suchen
- Selbstsabotage in wichtigen Lebensbereichen
- Unerklärliche Ängste oder Phobien
Ein anderes Beispiel anders meiner Praxis: Ein Mann litt schon seit frühen Jahren unter Asthma. Wie schon sein Vater und dessen Bruder. In einer Aufstellung zeigte sich eine besondere Verbindung zu einem Vorfahren in seiner Ahnenreihe. Der Mann stellte sie sich vor diesen Repräsentanten. Einem tiefen Blick in die Augen folgte berührendes Schluchzen in einer langen Umarmung. In der Aufstellung sagte der Mann: „Ich sehe dich! Ich weiß nicht wer du bist, aber du gehörst zu mir.“ Am Ende der Aufstellung sagte er: „Ich konnte noch nie so tief durchatmen. Es ist, als ob diese Tränen mich geheilt hätten.“ Erst später gefundene Dokumente des Großvaters wiesen darauf hin: Es handelte sich um den Urgroßonkel väterlicherseits. Er kehrte als junger Mann traumatisiert aus dem 1. Weltkrieg zurück, fiel der Euthanasie im 2.Weltkrieg zum Ofer und wurde vergast. Er wusste nichts davon. Damals wurde das tabuisiert, niemand sprach darüber und auch nicht mehr über den Bruder des Urgroßvaters. Der Mann trug buchstäblich das Trauma dieses schrecklichen Schicksals in sich.
Der Mut zur Wahrheit: Erste Schritte zur Heilung
Die gute Nachricht: Es ist nie zu spät, diese Dynamiken zu erkennen und zu unterbrechen. Gerade in der Lebensmitte, wenn die eigenen Kinder erwachsen sind, entsteht oft Raum für Selbstreflexion und eine tiefere Auseinandersetzung mit sich und der Familiengeschichte. Vielleicht auch schon früher, wenn Sie erkennen, dass eines der Kinder unerklärliches Verhalten zeigt oder unbegründete Ängste hat.
Der erste Schritt liegt im Hinsehen: Welche Besonderheiten gibt es ihn Ihrer Familiengeschichte? Worüber vermeidet man in Ihrer Familie zu sprechen? Welche Namen fallen nie? Oft helfen alte Fotos oder Gespräche mit älteren Verwandten oder auch Kirchenbücher, die Puzzleteile zusammenzufügen.
Stellen Sie sich folgende Fragen:
- Gibt es in Ihrer Familie Tabuthemen?
- Über welche Familienmitglieder wollte man nie sprechen?
- Welche wiederkehrenden Probleme oder Schicksale ziehen sich durch Ihre Familie?
- Gibt es unerklärliche Lücken in Ihrer Familiengeschichte?
Heilung durch Anerkennung der Zugehörigkeit
In der systemischen Aufstellungsarbeit erlebe ich immer wieder, wie befreiend es für alle Beteiligten ist, wenn ausgeschlossene Familienmitglieder wieder ihren Platz in der Familie bekommen. Wichtig ist: Es geht dabei nicht darum zu verurteilen oder zu rechtfertigen. Es geht um Anerkennung, was wirkt – ohne Bewertung dessen, was war: „Du gehörst dazu. Du bist Teil unserer Familie. Auch dein Schicksal wird gesehen.“
Diese Anerkennung muss nicht bedeuten, dass Sie das Verhalten oder die Taten der Person gutheißen. Es geht nicht um Moral, sondern um die Vollständigkeit des Systems. Jeder Mensch, der zu einer Familie gehört hat, verdient, gesehen und erinnert zu werden – mit allem, was zu ihm gehört.
Ein einfacher, aber kraftvoller Satz kann Generationen heilen: „Du gehörst dazu!“
Rituale der Anerkennung können sehr kraftvoll sein:
- Stellen Sie sich im Geiste ihr „wiedergefundenes“ Familienmitglied vor und sagen Sie: „Ich sehe dich. Du hast deinen Platz in unserer Familie. Du gehörst dazu.“
- Manchmal wirkt es schon, ein Foto aufzustellen, eine Kerze anzuzünden oder
- beim nächsten Familientreffen zu sagen: „Lasst uns auch an Onkel Hans denken.“
- Sie können auch das Grab dieser Person besuchen und dort diese Worte sprechen
- Einen Gedenkstein im Garten aufstellen oder
- einen Brief an das Familienmitglied verfassen.
- Führen Sie ein Gespräch mit noch lebenden Familienmitgliedern über die verschwiegene Person
Ihr eigener Weg zur Heilung
Vielleicht spüren Sie beim Lesen dieser Zeilen bereits, dass auch in Ihrer Familie jemand fehlen könnte. Vertrauen Sie diesem Gefühl. Ihre Seele weiß oft mehr, als Ihr Verstand erfassen kann. Das mulmige Gefühl bei bestimmten Familienthemen, die wiederkehrenden Träume, die unerklärlichen Ängste – sie alle können Hinweise sein.
Die Auseinandersetzung mit solchen Familienthenen ist nicht immer leicht, aber sie ist ein Geschenk – an Sie selbst und an die kommenden Generationen. Denn was Sie heilen, müssen Ihre Kinder nicht mehr tragen. Was Sie ans Licht bringen, kann endlich Ruhe finden.
Manchmal ist es ein langer Weg. Manchmal reicht ein einziger Moment der Anerkennung. Jeder Fall ist anders, aber die Heilkraft der Wahrheit und der Liebe ist immer dieselbe.
Wenn Sie spüren, dass auch in Ihrem Familiensystem jemand „fehlt“ und Sie diesen Schatten näher beleuchten möchten, kann eine systemische Aufstellung wertvolle Klarheit bringen. Der Mut, hinzusehen, ist der erste Schritt zur Befreiung – für Sie und für alle, die nach Ihnen kommen
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Über die Autorin: Christa Schmid ist zertifizierte systemische Beraterin und Supervisorin mit über 20 Jahren Erfahrung in Wien. Sie begleitet Menschen dabei, familiäre Muster zu erkennen, berufliche Blockaden zu lösen und ihr volles Potential zu entfalten.