Systemische Aufstellung Wien: Die 3 unbewussten Gewissen

Wie können Menschen mit gutem Gewissen ummoralisch handeln?

Diese Frage stellen sich Klient:innen vor systemischen Aufstellungen in Wien immer wieder und aktuell ein großer Teil der Menschen auf dieser Welt.

Menschen handeln manchmal gegen Werte und Moral – und fühlen sich dennoch im Recht. Wie kann es sein, dass jemand mit gutem Gewissen etwas tut, das anderen schadet?

In der systemischen Aufstellungsarbeit zeigt sich, dass unser Gewissen nicht nur eine Instanz ist, die Gut und Böse unterscheidet. Vielmehr lassen sich 3 Gewissen unterscheiden. Unsere Gewissen beeinflussen Zugehörigkeit, Loyalität und Entscheidungen innerhalb von Familien- und Organisationssystemen – häufig unbewusst.

Wer familiäre Dynamiken besser verstehen möchte, stößt dabei schnell auf generationenübergreifende Loyalitäten, systemische Verstrickungen und unbewusste Bindungen.

Die systemische Perspektive in diesem Zusammenhang unterscheidet zwischen verschiedenen Formen des Gewissens, die gleichzeitig wirksam sein können.

Im Folgenden können wir Antworten auf die Frage in der Überschrift erhalten.

Was ist ein System?

Im systemischen Verständnis ist ein System eine Gruppe von Elementen (z. B. Personen), die miteinander in Beziehung stehen und sich gegenseitig beeinflussen.

Gemeinsam bilden sie ein Ganzes – etwa:

  • eine Familie
  • ein Team
  • eine Organisation
  • ein Unternehmen
  • eine Nation
  • eine Glaubensgemeinschaft

 

Jedes System besitzt eine Grenze, die:

  • nach außen Zugehörigkeit definiert („Wer gehört dazu?“)
  • nach innen Identität stiftet („Was macht uns aus?“)

 

Diese Grenze erzeugt gleichzeitig Zugehörigkeit und Abgrenzung.

So können wir unterscheiden: Ich gehöre dazu – du gehörst nicht dazu und umgekehrt.

Was ist das Gewissen in der systemischen Aufstllungsarbeit?

„Das Gewissen ist fähig, Unrecht für Recht zu haltten, Inquisition für Gott wohlgefällig und Mord für politisch wertvoll.“

[Erich Kästner]

 

Das Gewissen wird in der systemischen Aufstellungsarbeit als innere Orientierungs-instanz verstanden, die Zugehörigkeit zu sozialen Systemen sichert. Dabei wird zwischen persönlichem, kollektivem und geistigem Gewissen unterschieden.

Die drei Gewissen in der systemischen Aufstellungsarbeit

Bert Hellinger beschrieb Gewissen auch als geistige Felder.
Sie unterscheiden sich vor allem in der Reichweite ihres Wirkungsfeldes:

  1. Persönliches Gewissen
  2. Kollektives Gewissen
  3. Geistiges Gewissen

1. Das persönliche Gewissen

Unser persönliches Gewissen ist eng mit der Familie oder den Gruppen verbunden, zu der wir gehören. Viele Menschen erleben es als innere Instanz, die zwischen „richtig“ und „falsch“ unterscheidet.

Aus systemischer Sicht erfüllt es vor allem eine Funktion:

  • Den Erhalt unsere Zugehörigkeit zu einer Gruppe.

 

Wenn wir als Kind gedacht, gefühlt oder nicht im Einklang mit den Erwartungen oder Forderungen unserer Eltern gehandelt haben, dann hatten wir ein schlechtes Gewissen.
Haben wir uns entsprechend ihrer Regeln verhalen, haben wir uns gut gefühlt und hatten ein gutes Gewissen.

Dieses Muster wirkt auch im Erwachsenenalter weiter – beispielsweise in:

  • Familien
  • Teams
  • Unternehmen
  • und anderen sozialen Gruppen

 

Nicht nur Familien, jedes soziale System verfügt über eigene Normen oder Erwartungen, im Hinblick darauf, was als „richtiges“ Verhalten gilt.

Wer dagegen verstößt, riskiert seine Zugehörigkeit zur Gemeinschaft. So werden innerhalb von Familien manchmal auch Menschen ausgeschlossen, an deren Taten oder Schicksal niemand erinnert werden möchte.

Bindungsfunktion

Das persönliche Gewissen zeigt uns, ob unser Verhalten unsere Zugehörigkeit sichert oder gefährdet.

Ein schlechtes Gewissen ist verbunden mit:

  • Angst vor Ablehnung
  • Angst vor Liebesverlust
  • Angst vor Ausschluss

 

Damit trägt es wesentlich dazu bei, die Bindung an ein System aufrechtzuerhalten. Durch die gesicherte Zugehörigkeit brauchen wir uns keine Sorgen zu machen, von unserer Gruppe abgeschnitten, allein oder schutzlos zu sein. Die Angst nicht mehr dazugehören zu dürfen, lässt uns das „Richtige“ tun.

Gut und Böse als Zugehörigkeitskriterien

Die Unterscheidung zwischen „gut“ und „böse“ ist aus systemischer Sicht oft eine Frage der Zugehörigkeit.

Ein Verhalten kann:

  • innerhalb eines Systems als richtig gelten
  • außerhalb desselben Systems jedoch als falsch oder sogar gefährlich erscheinen

 

So lässt sich erklären, warum Menschen Handlungen setzen können, die anderen schaden – und sich dabei dennoch im Einklang mit ihrem Gewissen fühlen.

2. Das kollektive Gewissen

Was unterscheidet das persönliche vom kollektiven Gewissen?

Das kollektive Gewissen wirkt über das persönliche hinaus und bleibt meist unbewusst.

Worauf ist das zurückzuführen? Weil das persönliche Gewissen unserem Wohlbefinden, unserer Zugehörigkeit und unserem Überleben als Individuum dient und somit gefühlt Vorrang hat.

Das kollektive Gewissen dient dem Überleben der Gruppe.

Es orientiert sich an:

  • der Vollständigkeit eines Systems
  • seiner inneren Ordnung
  • seinem langfristigen Fortbestand

Ordnung 1: Zugehörigkeit (Vollständigkeit)

Systemisch gilt:

Jedes Mitglied einer Gruppe hat das gleiche Recht auf Zugehörigkeit.

Wird diese Ordnung missachtet indem jemand ausgeschlossen wird, so wird ihm dadurch die systemische Zugehörigkeit in der Familie verweigert. Hier wirkt das kollektive Gewissen als Instanz, um die Ordnung wieder herzustellen. Dieses ausgestoßene Mitglied wird, meist von jemandem in der nächsten oder übernächsten Generation, vertreten – ist in systemischer Sicht mit ihm verstickt ist.

So kann es etwa geschehen, dass ein Neffe oder Großneffe einen ausgeschlossenen Onkel oder Großonkel „vertritt“ und unbewusst dessen Schicksal übernimmt.

Am ursprünglichen Ausschluss war er nicht beteiligt und somit unschuldig.
Dennoch kann er sich unbewusst mit dessen Schicksal verbunden fühlen – auch dann, wenn ihn das belastet.

Ordnung 2: Rangfolge

Eine weitere systemische Ordnung betrifft die zeitliche Zugehörigkeit:

  • Eltern haben Vorrang vor Kindern
  • Erstgeborene vor später Geborenen

 

Das bedeutet aber auch, das jedes Systemmitglied einen nur ihm zukommenden Platz hat.

Gründet man seine eigene Familie, steht man selbst mit der Partner:in an erster Stelle.

  • Durch die Gründung einer eigenen Familie erhält diese Vorrang gegenüber der Herkunftsfamilie.

 

Wer gehört systemisch zur Familie dazu?

  • die Kinder und ihre Geschwister
    (auch  weggeben oder verschwiegene und früh verstorbene, totgeborene, abgegangene oder nicht anerkannte Kinder)

  • die Eltern und deren Geschwister (so wie oben aufgezählt)

  • frühere Partner:innen oder Partner der Eltern, sofern sie abgelehnt oder ausgeschlossen werden.

  • die Großeltern und ihre früheren Parter:innen. Nicht deren Geschwister, außer sie hatten ein besonderes Schicksal.

  • Personen, durch deren Schicksal oder Tod, die eigene Familie einen Vorteil/Nachteil hatte. Zum Beispiel durch ein bedeutendes Erbe oder Enteignung.

Opfer und Täter im Familiensystem

Aus systemischer Sicht können auch Menschen zum Familiensystem gehören, die durch das Handeln eines Familienmitglieds betroffen waren – etwa als Opfer von Gewalt oder Unrecht. Auch sie gehören ab dem Moment systemisch dazu.

Wenn Mitglieder unserer Familie Opfer von schweren Verbrechen wurden, so gehört die Täter auf diese Weise zu unserem System. 

In solchen Fällen entsteht häufig eine schicksalhafte Verbindung zwischen den Beteiligten, die über Generationen hinweg nachwirken kann. Werden diese Zusammenhänge innerhalb der Familie ausgeblendet, kann es bei späteren Generationen zu unklaren Loyalitäten oder belastenden Identifikationen kommen.

In der systemischen Aufstellungsarbeit wird sichtbar, dass es zwischen Opfern und Tätern eine Anziehung gibt und Ruhe kehrt ein, wenn sie in der Aufstellung zueinander gefunden haben. 

Das kollektive Gewissen macht auch hier keinen Unterschied.

Individuum oder Gruppe? Überleben in Extremsituationen

Das kollektive Gewissen orientiert sich, wie schon erwähnt, am Fortbestand der Gruppe. Historisch dokumentierte Beispiele zeigen, dass in extremen Situationen das Überleben der Gruppe über das Leben Einzelner gestellt werden kann.

  • Beispielsweise existieren zahlreiche Berichte aus dem Zweiten Weltkrieg, in denen Soldaten sich auf eine Granate warfen, um Kameraden zu schützen.
  • Historisch dokumentierte Situationen, etwa aus Polarexpeditionen oder Schiffskatastrophen, zeigen, dass in extremen Überlebenslagen Entscheidungen getroffen wurden, die das Fortbestehen der Gruppe über das Leben Einzelner gestellt haben.

Solche Handlungen verdeutlichen:

Die Sicherung des Fortbestehen des Systems kann Vorrang vor individuellen Bedürfnissen erhalten.

3. Das geistige Gewissen

Das geistige Gewissen geht über die beiden anderen Gewissen hinaus.

Es beschreibt eine Orientierung:

  • jenseits moralischer Bewertung
  • jenseits der Unterscheidung von „wir“ und „sie“

 

Vergleichbare Haltungen finden sich in verschiedenen philosophischen und religiösen Traditionen, z.B.:

  • Im frühen Buddhismus beschreibt Upekkhā (Gleichmut) eine Haltung, die Freund und Feind gleichermaßen einschließt.
  • Stoische Philosophen wie Seneca oder Marc Aurel sahen alle Menschen als Teil eines gemeinsamen Logos.
  • Im Sufismus wird die Einheit allen Seins betont.
  • In der Bergpredigt (Mt 5,44–45) wird zur Feindesliebe aufgerufen.

 

Allen gemeinsam ist eine Ausrichtung an einem größeren Ganzen. 

Wer durch persönliche Entwicklung und innerer Reife mit ihm in Berührung kommt und im Einklang lebt, kann nicht anders, als allen gleichermaßen zugewandt zu sein – mit Wohlwollen und Liebe. 

 

Die unterschiedlichen Gewissen im Überblick

Persönliches Gewissen

  • wirkt im Sinne der  Zugehörigkeit
  • unterscheidet Gut und Böse
  • dient der Bindung und grenzt auch aus

Kollektives Gewissen

  • reicht über das persönliche Gewissen hinaus
  • strebt nach Vollständigkeit und Ordnung im System
  • wirkt über Generationen 

Geistiges Gewissen

  • reicht über die anderen beiden Gewissen hinaus
  • orientiert sich am Ganzen
  • unterscheidet nicht zwischen Zugehörigen und Nicht-Zugehörig, gut oder böse

Fazit

Die unterschiedlichen Gewissen wirken gleichzeitig und beeinflussen unser Denken, Fühlen und Handeln – meist unbewusst.

In der systemischen Aufstellungsarbeit wird sichtbar, wie:

  • Das persönliche Gewissen sichert Zugehörigkeit.
  • Das kollektive Gewissen wahrt Vollständigkeit und Ordnung im System.
  • Das geistige Gewissen richtet den Blick auf das Ganze.

Häufige Fragen zur systemischen Aufstellung und Gewissen

Das persönliche Gewissen sichert unsere Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Das tut es, indem es uns über unser gutes oder schlechtes Gewissen vermittelt, ob unser Verhalten mit den Erwartungen unseres Systems übereinstimmt.

Das kollektive Gewissen dient dem Überleben des Systems – einer Gruppe. Es sorgt für die Vollständigkeit im System und eine bestimmte Ordnung. Jeder hat das Recht auf Zugehörigkeit und niemand darf ausgeschlossen werden

Das geistige Gewissen beschreibt eine Orientierung über moralische Bewertungen und Gruppenloyalität hinaus. Es richtet den Blick auf das Ganze und schließt niemanden aus.

Menschen handeln hier im Einklang mit ihrem persönlichen Gewissen, um ihre Zugehörigkeit zu sichern. Was in einer Gruppe als richtig gilt, kann jedoch den Werten einer anderen widersprechen. So handelt man mit gutem Gewissen – und erscheint anderen dennoch unmoralisch.

Wir sind im Laufe unseres Lebens in unterschiedlichen Systemen gleichzeitig eingebunden. Etwa in unserer Ursprungsfamilie, der eigenen Familie, einem Verein oder im beruflichen Kontext in ein Teams. An manchen Tagen kann es sein, kommen wir beispielsweise den beruflichen Verpflichtungen nach, haben wir dort ein gutes und in der Familie ein schlechtes Gewissen. So können ein gutes und ein schlechtes Gewissen zugleich wirksam sein.

Ja. In einer systemischen Aufstellung können unbewusste Loyalitäten und Verstrickungen sichtbar werden, sodass neue Handlungsspielräume entstehen.

Zunächst wird die ausgeschlossene Person und ihr Schicksal anerkannt, sodass sie symbolisch wieder ihren Platz im Familiensystem einnehmen kann.

In einem weiteren Schritt lässt der Nachkomme die Verantwortung und deren Folgen dort, wo sie hingehören, und richtet sich innerlich auf sein eigenes Leben aus.

Er schaut nach vorne – das ist vor allem ein innerer Schritt.

Systemische Aufstellung in Wien

Wenn Sie familiäre oder berufliche Dynamiken besser verstehen möchten und sich fragen, welche unbewussten Loyalitäten Ihr Denken, Fühlen oder Handeln beeinflussen, kann eine systemische Aufstellung neue Perspektiven eröffnen.

In meiner Praxis für systemische Aufstellung in Wien begleite ich Menschen dabei, verborgene Zusammenhänge sichtbar zu machen und neue Handlungsspielräume zu entwickeln.

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Über die Autorin: Christa Schmid ist systemische Beraterin, Supervisorin und Unternehmensberaterin mit über 20 Jahren Erfahrung in Wien. Sie begleitet Menschen dabei, familiäre Muster zu erkennen, berufliche Blockaden zu lösen und ihr volles Potential zu entfalten.

Bild von Christa Schmid
Christa Schmid

Ich begleite seit über 20 Jahren Menschen dabei, wiederkehrende Muster zu durchbrechen und ihr volles Potential zu entfalten. Mit systemischer Aufstellungsarbeit, traumasensibler Begleitung und epigenetischen Erkenntnissen unterstütze ich Sie dabei, berufliche und private Blockaden nachhaltig zu lösen.